Die vereinigten Dörfer von Liechtenstein

Von wegen «elf Gemeinden – ein Land». Zumindest nicht, wenn man die Raumplanung betrachtet. Das vernichtende Urteil der benachbarten Raumplaner: Liechtenstein fehlt eine Strategie. Es fehlt die Initiative. Und eine regionale Abstimmung.

Schon über 20 Vorträge wurden über die Studie der Stiftung Zukunft.li zur Raumentwicklung Liechtensteins gehalten – das zeugt vom grossen Interesse der Bevölkerung am Thema. Gestern Abend wurden verschiedene Aspekte daraus noch vertieft und Raumplaner aus Liechtenstein, Vorarlberg und der Schweiz dazu eingeladen, ihren Blick auf die Raumentwicklung des Landes zu richten und die Frage zu beantworten: «Wie wirkt Liechtenstein?» Die Antworten waren klar, deutlich und wenig schmeichelhaft: Konzeptlos. Visionslos. Ziellos. Und in über 150 Zonen aufgeteilt, die kein Ganzes ergeben– und schon gar nicht regional abgestimmt sind. Die Nachbarn hingegen scheinen ihre Hausaufgaben in Sachen Raumplanung gemacht zu haben.

«Noch weniger machen kann man nicht»

Anne Brandl, Professorin für Raumentwicklung an der Uni Liechtenstein, ist davon überzeugt, dass Liechtenstein sogar eine Pionierstellung in Sachen Raumplanung einnehmen könnte – wenn es denn wollte. Doch leider werde das Potenzial nicht genutzt. «Noch weniger machen kann man nicht», bedauert sie. Liechtensteins Siedlungsentwicklung entspreche vielmehr einer «Zersiedelungsentwicklung». Immer mehr Gebäude auf immer breiterem Raum, in denen nicht gewohnt oder gearbeitet werde, weil die Bevölkerung nicht im selben Masse gewachsen sei wie die Bauten, seien die Folge. Brandl würde sich wünschen, dass in der Diskussion, um die Raumplanung auch mehr über die Qualität der Landschaft gesprochen würde – «ihr Wert wird zu wenig erkannt». Dies nicht nur, aber auch mit Blick auf das Autofahrerland Liechtenstein, welches über die höchste Autoquote in Europa verfüge. Und während Österreich und Vorarlberg Massnahmen zur Reduktion des Individualverkehrs unternommen
und den ÖV gestärkt hätten, zeige sich in Liechtenstein das gegenteilige Bild. Ihre Kritik: «Raumplanung ist nicht die Summe von Einzelteilen.» Doch wenn man die mehr als 150 Zonen Liechtensteins betrachte, müsse man mehr von den «vereinigten Dörfern von Liechtenstein» sprechen, als von einem Land, das die Herausforderungen gemeinsam stemmt.

Feldkirch wünscht sich «ähnliche Organisation»

Tatsächlich zeigt auch der Blick von aussen, dass «Liechtenstein in Sachen Raumplanung hinterherhinkt» und wohl besser «schnell Antworten auf die zahlreichen Fragen der Raumplanung finden sollte, will es die Verantwortung nicht aus der Hand geben». Feldkirch hat beispielsweise über 200 Massnahmen erarbeitet, die im Siedlungsentwicklungsplan und dem räumlichen Entwicklungskonzept nun umgesetzt werden. «Wir machen unsere Hausaufgaben», ist Gabor Mödlagl, Stadtbaumeister von Feldkirch überzeugt und verweist bereits auf die zahlreichen Erfolge, auf welche die Stadt verweisen kann. So wurde der Individualverkehr massiv reduziert, immer mehr Feldkircher sind auf den öffentlichen Verkehr umgestiegen. Trotzdem nehme der Verkehr an der Bärenkreuzung zu – «und wir wissen, dass wir diesen nicht selbst verursachen», äusserte er mit Blick auf Liechtenstein. Deshalb würde er sich sehr wünschen, dass sich auch Liechtenstein ähnlich organisiert. Feldkirch sei auf Liechtenstein zugegangen und habe deren Anliegen in die Raumplanung aufgenommen – doch man habe auch im Gegensatz einige Anliegen angebracht. Diese betreffen vor allem die S-Bahn FL.A.CH, die Pendler- sowie Freizeitmobilität, den Ausbau der Zusammenarbeit mit der Liemobil sowie weitere verkehrspolitische Massnahmen Liechtensteins.

«FL.A.CH: Ich hoffe, dass Sie die Chance nutzen»

Weit weniger diplomatisch zeigte sich Ueli Strauss, selbständiger Raumplaner und ehemaliger Leiter des Amtes für Raumentwicklung und Geoinformation des Kantons St. Gallen. Er kritisierte ohne Umschweife: «Welche Strategie hat Liechtenstein? Ich kenne sie nicht.» Er kritisierte die hohe Gemeindeautonomie in Sachen Raumplanung und ist überzeugt, dass die Regierung hier das Kommando übernehmen muss. «Vorarlberg, St. Gallen und Liechtenstein stehen vor denselben Herausforderungen. Doch leider sind die Planungsstrukturen völlig unterschiedlich», bedauert er.  Stark kritisiert Strauss auch, dass in Liechtenstein kaum ein Gesamtverkehrskonzept vorhanden und alles auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet sei und die Bauzonen zu wenig mit dem ÖV erschlossen seien. Strauss sprach sich in diesem Rahmen nicht nur stark für die S-Bahn FL.A.CH aus, die dem ÖV das Rückgrat stärken würde, er ist sogar überzeugt: «Wird diese Bahn abgelehnt, wäre das eine Katastrophe für das Agglomerationsprogramm.»

Originalartikel erschienen im Liechtensteiner Vaterland
Redaktion: Desirée Vogt

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